West-USA
Wilder Fluss, Autopannen und andere Abenteuer PDF Drucken E-Mail
Donnerstag, den 21. Juli 2011 um 23:04 Uhr

Was haben ein Früchtestandbetreiber, ein Banker aus Florida, eine Hochschwangere und eine ältere Dame in regenbogenfarbenen Plüschfinken gemeinsam? Sie und einige mehr hatten mit unserer ersten grösseren Autopanne zu tun. Vorher gabs noch einen Fall ins kalte Wasser. Doch jetzt mal alles schön der Reihe nach.

Von Olivia

Nun sind wir seit fast drei Wochen in Kanada, doch zuerst gibt es noch einiges von unserer Zeit in Oregon und Washington zu erzählen.

Nachdem wir uns an der Küste Oregons beim Surfen ausgetobt hatten, ging es landeinwärts nach Portland. Dort besuchten wir Richard, den zweiten Zahnarzt, den wir in Samoa kennengelernt hatten. Er und seine Frau Emily hatten auch Richards samoanischen Vater zu Besuch, der zurzeit seine bewegende Lebensgeschichte zu Papier bringt und uns viel Interessantes zu erzählen hatte. Zwischendurch schauten wir uns die Stadt Portland an, die uns wegen des Willamette River etwas an Basel und den Rhein erinnerte. Portland ist eine charmante Stadt mit hoher Lebensqualität, doch wenn man San Francisco oder Vancouver kennt, fristet sie dagegen doch eher ein Mauerblümchendasein. Wir sind wohl mit der Zeit etwas verwöhnt geworden...

Der Fall ins kalte Wasser
Die Region um Portland herum bietet ebenfalls viel. Nach knapp zwei Fahrstunden entlang dem mächtigen Columbia River, der auch die Grenze zwischen Oregon und Washington markiert, erreichten wir den White Salmon River. Dort war wieder einmal River Rafting angesagt. Mit Richard, seiner Schwägerin und deren Freundin bretterten wir die Stromschnellen runter. Irgendwann bot der Guide uns das sogenannte «Bullriding» an, also auf den vorderen Rand des Schlauchboots sitzen und die Beine aus dem Boot hängen lassen. Der Spass war von kurzer Dauer, denn bei der erstbesten Stromschnelle ging ich baden und nahm die nächsten paar Stromschnellen ganz alleine und in einem rasanten Tempo in Angriff. Während die im Boot Verbliebenen wie verrückt zu mir paddelten, konnte ich endlich das anwenden, was uns die Instruktoren vor unseren Raftingtouren stets ins Hirn gehämmert hatten: Auf den Rücken liegen, Füsse voran und zum nächsten «Parkplatz» am Rand schwimmen, wo weniger Strömung herrscht. Bald waren die Bootskollegen da, reichten mir ein Paddel und zogen mich am Schulterteil der Schwimmweste aus dem Wasser. «Nie mehr Bullriding!», fluchte ich, als ich kopfvoran ins Boot zurückplumpste. River Rafting werde ich aber bestimmt wieder machen, das steht fest.

Abschleppen ist angesagt
Damit war das Kapitel Oregon vorerst abgeschlossen, der Staat Washington rief, nicht zu verwechseln mit der US-Hauptstadt Washington im Osten des Landes. Ein Besuch des berühmten Mount Saint Helens stand an. Gesehen haben wir so gut wie nichts, der Vulkan war ständig in den Wolken. Aber beim Besuch des Museums haben wir immerhin erfahren, was da genau abging, als es dem Vulkan bei der gewaltigen Explosion im Mai 1980 den Kopf abjagte.

San Juan, Lopez, Anacortes: Nein, nicht Mexiko, sondern Nordwest-Washington. Die San-Juan-Inseln zwischen Seattle und der kanadischen Grenze riefen. Schon wollten wir beim Kassenhäuschen ein Fährenticket lösen, als das Auto schüttelte und ein sehr hässliches Geräusch von sich gab. Der Fall war klar: So gehts nicht auf die Fähre, aber auch nicht die gut drei Meilen zurück ins Städtchen Anacortes. Also Handy zücken, der AAA (American Automobile Association) anrufen und den gratis Abschleppdienst für Mitglieder anfordern. Wir staunten nicht schlecht, als es am anderen Ende tönte: «Aloha, AAA Hawaii?» Aha, weil unsere amerikanische SIM-Karte und die Nummer aus Hawaii stammen, wurden wir direkt nach Honolulu verbunden.

Nach einigen Stunden Däumchendrehen am Fährenterminal kam der Abschleppdienst und brachte unser Auto nach Anacortes zu Mechaniker Jamie. Dessen grösste Sorge ist offenbar die Legalisierung von Homo-Ehen. Immer wieder klagte er, wie sehr dies für den Wertezerfall in den USA verantwortlich sei. Irgendwann kam er auf das unserer Meinung nach grössere Problem zu sprechen: Das Getriebe unseres Autos sei am Ende seiner Lebensdauer, ein neues müsse her, das koste über 2000 US-Dollar, und das Ganze dauere etwa eine Woche.

Nun, so schlecht die Nachricht war, so gut war es, dass wir in den nächsten Tagen nicht dermassen auf das Auto angewiesen waren wie etwa in Südkalifornien. Mit der Fähre kann man San Juan Island als «Foot Passengers» bereisen, und für die geplante Kayaktour braucht es auch nichts Motorisiertes. Der riesige Ron, ehemaliger Lastwagenfahrer, Früchtestandbetreiber und Jamies Gehilfe, bot uns an, dass seine Mutter uns zur Fähre bringt. Noch immer in ihren regenbogenfarbigen Plüschfinken fuhr sie uns durch ganz Anacortes, nur nicht zur Fähre, denn erst wollte sie das Auto tanken und dann bei der Bank Geld abheben. Dies hatte zur Folge, dass wir es dank einem rekordverdächtigen Sprint gerade noch als letzte Passagiere aufs Schiff schafften und uns damit eine zweistündige Warterei ersparten.

Verfluchte Fahrzeuge?
Auf San Juan Island bot sich uns eine fantastische Sicht auf Vancouver Island, die Meeresstrasse und Washingtons mächtige Olympic Mountains. Das spiegelglatte Wasser wurde nur durchschnitten von den Rückenflossen der Schwertwale.

Auf der Kayaktour lernten wir einen Banker aus Florida kennen, der am nächsten Tag mit seinem Mietwagen an ein Business-Meeting nach Seattle fuhr. Da dies ebenfalls unsere nächste Destination war, nahm uns der Mann – nennen wir ihn mal Andy (was auch sein richtiger Name ist) – netterweise mit. Doch kurz nach der Abfahrt beim Fährenterminal hatte Andys fahrbarer Untersatz einen platten Reifen. Ironischerweise am selben Ort, an dem unser Auto seine technischen Probleme offenbart hatte. Da Andy eine gute Portion Erfahrung im Reifenwechseln hatte, verloren wir nicht allzu viel Zeit und schafften es rechtzeitig für Andys Meeting nach Seattle. Dort ruhten wir uns erst einmal im Hotel aus.

Wie Portland verfügt auch Seattle über eine hohe Lebensqualität und viele schöne renovierte Altbauten. Vielmehr noch, durch die Lage inmitten einer Meeresbucht und bewaldeten Inselchen bot sich rundherum eine wunderbare Aussicht. Noch besser wird sie, wenn man sich auf die «Space Needle» wagt und bei gutem Wetter bis nach Kanada sehen kann. Dennoch, auch Seattle konnte San Francisco und Vancouver nicht übertreffen.

Für den Rückweg nach Anacortes nahmen wir dieses Mal keinen pannenanfälligen Privattransfer, sondern einen Shuttlebus. Kurz vor dem Ziel hielt die Fahrerin den Bus an und nahm den Gepäckanhänger unter die Lupe. Diagnose: ein Bremsenproblem. Sind eigentlich alle unsere Transportmittel verflucht? Gerade schaffte es die Chauffeuse noch, den Bus ins Zentrum von Anacortes zu manövrieren. Wer weiter auf die Fähre musste, brauchte ein Taxi für die Weiterfahrt. Das betraf uns jedoch nicht, unser Mechaniker war gleich um die Ecke stationiert.

Jamie war am Rotieren, sagte uns, das neue Getriebe sei auf dem Weg. Da es in Seattle hängengeblieben sei, habe er eine Kollegin geschickt, um es noch vor dem Wochenende zu holen. Sie sei hochschwanger, das Baby könnte jeden Moment kommen. Bald kam das Ersatzteil an, die Frau war noch immer schwanger. Bei der Einfahrt ihres Autos kam es uns vor, als sei gerade ein Spenderherz eingetroffen, während der bereits aufgeschnittene Patient darauf wartete.

Mit der Hilfe seines Bruders und Ron schaffte es Jamie, das Getriebe noch am selben Abend einzusetzen. Schweissgebadet und voller Ölflecken präsentierten sie uns das wiederauferstandene Auto. Und als wäre das nicht schon genug erfreulich, schenkte uns Jamie eine Krabbenfalle, die er höchstpersönlich designt hatte. Er war mächtig stolz drauf, hatte es kurz zuvor patentieren lassen und schon einige tausend Stück davon verkauft. Wir nehmen das Teil dankend an und fahren mit ihm und unserem Auto in die Nacht hinein, Richtung Kanada, und träumen schon vom Krabbenfangen im hohen Norden.

 
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